The wild ones

Zwei Youngster aus Unterschiedliche Ecken, mit unterschiedliche Rebsorten und unterschiedliche Handschriften aber mit der selben Haltung. Lukas Hammelmann und Carsten Saalwächter machen Wein nicht, um Erwartungen zu erfüllen. Sie machen ihn, um herauszufinden, was geht - ohne Bedienungsanleitung.

Lukas Hammelmann: Südpfalz

Wein nach Schema F? Kann man machen. Muss man aber nicht. Lukas Hammelmann macht lieber Wein nach Gefühl – und mit ziemlich viel Konsequenz. Seit 2016 arbeitet der Winzer in Zeiskam daran, der Südpfalz ein paar neue Ecken zu verpassen. Seine Weine sind keine höflichen Begleiter, die sich brav ins Bild einfügen. Sie haben Spannung, Kante und vor allem: eine eigene Meinung.

Die Zutaten dafür sind ziemlich analog: alte Reben, unterschiedliche Böden und viel Handarbeit. Löss, Kalk und Buntsandstein geben den Ton an. Im Keller wird dann nicht auf Autopilot geschaltet. Spontangärung, Holz, Zeit – und möglichst wenig Einmischung. Hammelmann vertraut lieber seinen Trauben als irgendeinem Standardprogramm. Ein gewisser Kontrollverlust ist dabei ausdrücklich Teil des Plans. Bemerkenswert sind da seine Rieslinge.

 

HAMBACH SCHLOSSBERG RIESLING 2024
Straff, mineralisch und mit ordentlich Druck auf dem Kessel. Hier gibt’s keine Fruchtbonbon-Nummer, sondern Spannung, Tiefe und eine Säure, die einmal ordentlich durch den Mund fegt. Der Schlossberg will nicht gefallen. Der kann das auch so.

RIESLING Z „AUS DEN DÖRFERN“ 2025
Saftig, frisch und verdammt trinkig. Zitrus, knackige Frucht und genug Zug, um direkt den nächsten Schluck zu provozieren. Eigentlich der unkomplizierte Wein in der Runde - schlabbert sich einfach schön weg.

VON DEN TERRASSEN RIESLING 2024
Und jetzt wird’s interessant. Mineralisch, fokussiert, eigenwillig. Der Wein hat Ecken und Kanten und macht genau deshalb Spaß. Trocken, präzise, charakterstark – und ohne Stock im Hintern. Ein Riesling für Nerds, die weniger auf laute Frucht und mehr auf Mineralik, Struktur und Eigenständigkeit stehen.

Besonders spannend: Hammelmann kann inzwischen auch Schaum. Und der kann sich sehen lassen. Spontan im Holzfass vergoren, lange auf der Hefe, zweite Gärung auf der Flasche, 22 Monate Reifezeit. Kein Quickie, sondern ziemlich ernsthaft gemachter Stoff. Es kann so inspirierend sein die ausgetretenen Pfade zu verlasse. Los gehts!

 

Carsten Saalwächter : Rheinhessen

Carsten ist jung. Verdammt jung sogar. Und trotzdem steht da bereits eine ziemlich beeindruckende Weinbiografie. Er hat sich einmal quer durch die deutsche Burgunder-Elite gearbeitet: Stodden, Schnaitmann, Baltes, Chat Sauvage, Friedrich Becker – und natürlich Hanspeter Ziereisen. Danach ging’s noch ins Burgund: Pinot Noir bei Thierry Brouin auf Domaine des Lambrays, Chardonnay bei Jean Chartron in Puligny-Montrachet. Das ist kein schlechtes Curriculum.

Carsten ist ein Silvaner Maniac. Er hat mittlerweile rund 60 % Silvaner im Betrieb. Und das nicht aus Versehen. Sein 2024er kommt von einem winzigen Viertel Hektar mit fast 50 Jahre alten Reben, ostexponiert auf gelbem Kalkstein. Kühl, karg, ziemlich ideal. Carsten hat bei Ziereisen gelernt. Das merkt man. Aber mittlerweile ist daraus etwas Eigenes geworden. Er ist dabei, seine eigene Liga aufzumachen. Und davon gibt’s leider nur ein Viertel Hektar. Pech für euch.

SILVANER ALTE REBEN 2024
12 Stunden Maische, Spindelpresse, spontan im großen Holzfass durchgegoren, ein Jahr auf der Hefe im gebrauchten Holz. Mehr muss man aus Silvaner auch nicht herausprügeln. Das Ergebnis: Minze, Muschelschale, Seegras, Zitronengras. Rauchig, steinig, salzig, brutal klar. Saftig und crisp, mit Substanz. Fast wie großer Chenin von der Loire. Nur eben Silvaner.  Aus Rheinhessen.

Silvaner Steinkante 2023
Die Parzelle liegt auf einem Plateau, der Boden ist stärker von gelbem Kalk geprägt. Weniger üppige Frucht, mehr Struktur, Würze und mineralischer Zug.

Wie bei seinen anderen Silvanern wird auch hier nichts auf schnellen Trinkfluss getrimmt: schonend gepresst, ungeschwefelt ins 1.500-Liter-Holzfass und anschließend rund drei Jahre auf der Hefe ausgebaut. Das gibt dem Wein Zeit, Textur aufzubauen und Tiefe zu entwickeln, ohne dass das Holz selbst zum Thema wird.

Das Interessante an diesem Silvaner ist deshalb weniger ein einzelnes Aroma als seine Spannung zwischen Fülle und Strenge: vorne saftig und gelbfruchtig, hinten zunehmend salzig, würzig und kalkig. Kein Silvaner, der mit Primärfrucht um Aufmerksamkeit buhlt, sondern einer, der über Textur, Reduktion und Länge funktioniert. Ein Silvaner mit ordentlich Unterbau. Wenig Show, viel Geologie.

Silvaner Grauer Stein 2023
Hier hört der normale Silvaner-Smalltalk auf. Der Graue Stein kommt von einem kühlen Osthang mit fast 50 Jahre alten Reben auf grauem Kalkstein. Kurze Maischestandzeit, gebrauchte Tonneaux – und dann: Kalk, Reduktion, Würze, Druck.

Am Gaumen dann: Salzzitrone, Grip, feinkörnige Textur und diese irre mineralische Schärfe. Karg, aber überhaupt nicht dünn. Im Gegenteil: Der Wein hat so viel Dichte und Druck, dass er regelrecht über den Gaumen marschiert. Und der Nachhall? Gefühlt Endlosschleife. Salzig, steinig, würzig. Das ist kein „schöner Silvaner“. Das ist ein Monster von Wein. Erst etwas sperrig, dann immer faszinierender. Viel Luft geben. Viel Zeit geben. Und sich wundern, warum verdammt noch mal Silvaner so gut sein kann.

Chardonnay 2024
Aus der Lage Höllenweg. Reiner Muschelkalk, Hangmitte. Carsten liest früh, weil er Spannung will – nicht dünne Weine. Die haben bei ihm trotzdem Druck und Dichte. Direkt und hart gepresst, ordentlich Trub ins Fass, spontan im großen Holz vergoren. Das hat er von seinen Jahren bei Ziereisen. Also kein Barrique-Gedöns.
2024 ist kühler, wilder und vibrierender als 2023: Kalkstaub, Flint, Rauch, Kräuter, Brioche. Straff, salzig, zwingend. Kein Schmuse-Chardonnay, sondern einer mit Rückgrat. Wie Durchatmen am Atlantik. Nur im Glas.